Explosion der „Piper Alpha“ 1988

  • Search06.07.2023

Die Nacht, in der die Nordsee brannte

Vor 35 Jahren explodierte die Bohrinsel „Piper Alpha“. Die Hitze ließ den Stahlkoloss schmelzen, verzweifelte Männer sprangen in ein Meer, aus dem die Flammen loderten. Über eine Katastrophe, die noch immer nachwirkt.

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    uf der Bohrinsel Piper Alpha 190 Kilometer vor dem schottischen Aberdeen wurde seit 1976 Öl gefördert. 1988 kam es zur Katastrophe.

    Nach der Katastrophe ragen qualmende Überreste der „Piper Alpha“ aus dem Meer. 167 Männer sterben bei dem Unglück.

     

    Von Jasmin Lörchner

    „Stay and die or jump and try“ – bleiben und sterben oder springen und versuchen zu überleben: Auf diesen Nenner bringt Roy Carey die Entscheidung, der er sein Leben verdankt. Der Techniker gehört zu den 226 Männern, die am 6. Juli 1988 an Bord der Ölplattform „Piper Alpha“ 180 Kilometer vor der schottischen Küste arbeiteten, als es dort zu drei katastrophalen Explosionen kommt.

    167 Männer reißt das Inferno in den Tod, zwei davon auf herbeigeeilten Rettungsschiffen. Die Hinterbliebenen und die Überlebenden leiden noch Jahre später nicht nur unter dem Trauma dieses Desasters, sondern auch unter der Erkenntnis, dass es vermeidbar gewesen wäre. Denn nicht allein menschliches Versagen löste die verhängnisvollen Ereignisse aus. Sondern auch die Selbstgefälligkeit einer Betreibergesellschaft, der Profite wichtiger waren als Sicherheitsprotokolle.

    „Piper Alpha“ ist ein Koloss. Er fördert ein Zehntel der britischen Jahresproduktion

    Das Piper-Alpha-Ölfeld war Anfang der Siebzigerjahre entdeckt worden. 1976 nahm das US-Ölunternehmen Occidental Petroleum Caledonia Limited den Betrieb der Plattform auf. Anfangs nur für die Ölförderung genutzt, wurde die „Piper Alpha“ später umgerüstet, um parallel auch Gas zu fördern. 1988, im Jahr der Katastrophe, stemmte die Plattform fast ein Zehntel der gesamten Jahresproduktion fossiler Energien in Großbritannien.

    Die Förderung lieferte immense Profite. Nur ungern unterbrach die Betreibergesellschaft die Arbeit auf der Plattform für Wartungsarbeiten. Nötige Sicherheitsvorkehrungen wurden übergangen, wie eine Untersuchung später ergab.

    Ein Gigant aus 20.000 Tonnen Stahl: Die Erdölplattform Piper Alpha vor der Katastrophe im Juli 1988.

    Ein Gigant aus 20.000 Tonnen Stahl: die „Piper Alpha“ auf einer undatierten Aufnahme vor den Explosionen.

    Das war auch am Tag des Unglücks der Fall. Eine der beiden Kondensatpumpen der Förderplattform sollte gewartet werden, wofür in einer angeschlossenen Leitung ein Überdruckventil ausgebaut wurde. Die Pumpen kontrollierten den Transport eines Gemischs aus Flüssiggasen zum Festland. In einem Wartungsbericht vermerkten die Arbeiter, dass die Pumpe mit dem ausgebauten Ventil nicht funktionstüchtig war. Beim Schichtwechsel am Abend kam das Protokoll allerdings nicht bei den Verantwortlichen an.

    Als die Nachtschicht im Kontrollraum eine Fehlermeldung für die noch im Betrieb befindliche Pumpe bekam und diese nicht mehr in Gang bringen konnte, drohte der Gasfluss zum Festland zu versiegen, ein „unproduktiver Shutdown“. Um das zu verhindern, wichen die Arbeiter auf die in Wartung befindliche Pumpe und deren angeschlossenes Gasrohr aus – dem das wichtige Überdruckventil fehlte. Zwar hatten die Arbeiter es mit einer Metallplatte verschlossen; die Schrauben waren jedoch nur lose per Hand angezogen worden statt mit Werkzeugen. Die Metallplatte hielt dem Druck der aktivierten Leitung nicht stand – hochentzündliches Gas entwich.

    Um kurz vor 22 Uhr schrillt der Alarm. Bald darauf kommt es zur ersten Explosion

    Nicht einmal 15 Minuten später, um kurz vor 22 Uhr, schlug im Kontrollraum der erste Alarm für ein Gasleck an. Kurz darauf kam es zu einer ersten Explosion. Die Mehrzahl der Arbeiter befand sich im Wohnblock der Plattform, viele wurden im Schlaf von den Explosionen überrascht.

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    Es fühlte sich an, als würde sich die Plattform aus der Nordsee erheben und wie ein Lappen ausgeschüttelt werden

    Bob Ballantyne, Überlebender

    „Diese mächtige Explosion hat die Plattform einfach hochgehoben. Es fühlte sich an, als würde sie sich aus der Nordsee erheben und wie ein Lappen ausgeschüttelt werden“, erzählt Elektriker Bob Ballantyne in einer Dokumentation über die Katastrophe.

    Geoff Bollands, ein Techniker im Kontrollraum, wurde durch die Explosion mehrere Meter weggeschleudert. Als er zu sich kam, war das Licht ausgefallen und der Raum voller Qualm. Bevor er aus dem Kontrollraum stolperte, betätigte er noch die Notabschaltung der Plattform. Damit wurden zwar die Öl- und Gasleitungen geschlossen. Doch die bestehenden Brandherde konnten nicht bekämpft werden: Wegen der Wartungsarbeiten war das automatische Löschsystem auf manuellen Betrieb umgeschaltet worden, und die Flammen versperrten den Weg zu den Auslösern.

    Zur Wartung legen die Arbeiter Gummimatten aus. Ein verhängnisvoller Fehler

    Unterdessen tropfte brennendes Öl auf Gummimatten, die während der Wartungsarbeiten auf der untersten Ebene der Plattform ausgelegt worden waren, damit sich die Arbeiter nicht an scharfen Metallteilen verletzten. Statt durch das Gitter ins Meer abzutropfen, sammelte sich das Öl auf den Matten unterhalb der Plattform, die von den lodernden Flammen zusätzlich destabilisiert wurde. Das sollte bald darauf zu einer weiteren, noch viel heftigeren Explosion führen.

    Viele Männer schlugen sich derweil zur Kantine durch, laut Evakuierungsplan der Sammelpunkt im Fall einer Katastrophe. Denn die Kantine lag in unmittelbarer Nähe zum Helikopterlandeplatz. Doch nach einem Mayday-Spruch kurz nach 22 Uhr hatte die Crew den Funkraum aus Sicherheitsgründen aufgegeben. Weder eine kontrollierte Brandbekämpfung auf der Plattform noch die Koordination mit Rettungshubschraubern waren möglich – und der Hubschrauberlandeplatz war längst von Flammen eingeschlossen.

    Versorgungsschiffe in der unmittelbaren Umgebung hatten die Explosion gesehen und die Notrufe gehört. Sie setzten Rettungsboote in die See aus. Zum Glück für Geoff Bollands, den Techniker aus dem Kontrollraum. Er und einige Kollegen hatten sich zu einem Deck knapp sechs Meter über der Wasseroberfläche durchgekämpft, von dem sie in die Nordsee sprangen. Wenig später wurden sie von einem Rettungsboot aufgenommen.

    Gegen 22.10 Uhr ereignete sich eine zweite, gewaltige Explosion, die einen Großteil der Plattform in einen Feuerball einhüllte. Feuertüren versagten unter der Wucht der Explosion und der Hitze der Flammen, sodass sich der Brand immer weiter ausbreitete.

    An geknoteten Seilen hangeln sich Verzweifelte ab – oft mit verbrannten Händen

    Als sich die Kantine mehr und mehr mit Rauch füllte, entschieden sich einzelne Männer, den Sammelpunkt zu verlassen. Doch der Weg zu den Rettungsbooten der Plattform war ihnen durch Flammen und den dichten Rauch abgeschnitten. Die weiteren Evakuierungsmaßnahmen für den Notfall waren primitiv: Die Männer mussten sich mit Rettungswesten und in ihren schweren Arbeitsschuhen an geknoteten Seilen außen an der brennenden Plattform herunterhangeln. Einige hatten verbrannte Hände.

    Der berühmteste Feuerwehrmann der Welt, Red Adair, konnten die Bohrinsel mit seinem Team nach drei Wochen löschen.

    Drei Wochen dauerten die Löscharbeiten unter Leitung des berühmtesten Feuerwehrmanns der Welt, Paul Neil „Red“ Adair.

    Um 22.50 Uhr zerriss eine dritte Explosion große Teile der Plattform. Die Trümmer wurden Hunderte Meter weit in die Nordsee geschleudert. Millionen Liter Gas entwichen und fachten die Flammen zusätzlich an. Sie schlugen bis zu 90 Meter hoch; Maschinen und Metall begannen in der extremen Hitze zu schmelzen.

    Schließlich stürzt die Kantine ins Meer. Darin harren noch viele Männer aus

    Das Plattformmodul, in dem sich die Kantine befand, stürzte ins Meer und riss die Männer, die bis zuletzt hier auf ihre Rettung gehofft hatten, in den Tod. Iain Letham, der von einem Versorgungsschiff ein Rettungsboot an die Unglücksstelle gelenkt und sechs Überlebende gerettet hatte, befand sich mit seinem Boot bei der Explosion direkt unter der Plattform und wurde ins Wasser geschleudert.

    Er schwamm durch das Inferno zu einem verbleibenden Pfeiler der Plattform, an den sich bereits Elektriker Bob Ballantyne klammerte. Mit aller Kraft hielten sie sich dort fest, während über ihnen die Reste der Plattform schwankten. Die Hitze war so stark, dass sich Brandblasen an Lethams Ohren bildeten.

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    Ich fiel kopfüber in Richtung Wasser und hoffte, dass nichts im Weg war

    Roy Carey, Überlebender

    Der Techniker Roy Carey wurde im Instrumentenraum von der ersten Explosion überrascht. Er schlug sich zu einer tieferen Ebene durch, wo er und einige Kollegen die zweite Explosion erlebten. Als der Feuerball auf ihn zuraste, entschied er sich zu springen. „Ich schob mich durch das Geländer, stieß mich ab und dann fiel ich kopfüber in Richtung Wasser und hoffte, dass nichts im Weg war“, erzählt er in einer Dokumentation.

    Im Überlebenstraining hatte man den Männern eingetrichtert, dass Sprünge ins Wasser aus großer Höhe tödlich enden können. „Ich versuche also einen perfekten Sprung hinzulegen, und währenddessen nehme ich unterbewusst jede einzelne Niete an der Plattform auf dem Weg nach unten wahr.“ Carey hatte Glück: Er tauchte ins Wasser ein, ohne sich zu verletzen. Doch seine schwere Arbeitskleidung und die Stiefel mit den Stahlkappen zogen ihn unter Wasser. Mit aller Kraft kämpfte er sich zurück an die Wasseroberfläche.

    Dicke Rauchschwaden und Flammen steigen im Juli 1988 von der zerstörten Piper Alpha in der Nordsee auf.

    Die Hitze nach den Explosionen auf der „Piper Alpha“ ist gewaltig. Einigen Männern schmelzen die Rettungswesten.

    Kaum hatte Carey einen tiefen Atemzug genommen, realisierte er: „Ich bin in Dantes Inferno gelandet.“ Die Flammen rollten einige Meter über das Wasser, verbrannten seinen Kopf und die Hände. Verzweifelt überlegte Carey, was die bessere Art zu sterben sei und beschloss, lieber zu ertrinken, als zu verbrennen. Er ließ sich von der Nordsee verschlucken – bis er an seine jüngste Tochter dachte. „Ich hatte ihr eine große Hochzeit versprochen. In solchen Momenten hilft die Familie dir, dich durchzuschlagen.“

    Neben ihm treibt ein Toter. Ein Freund? Er sieht nicht hin

    Diesmal tauchte er einige Meter entfernt auf, etwas geschützt vor der Hitze. Carey sah einen Körper mit Rettungsweste im Wasser treiben. Der Mann war tot, Carey schaute absichtlich nicht genau hin, aus Angst, einen Freund zu erkennen. Bis heute weiß er nicht, an wen er sich lehnte, um kurz zu verschnaufen. Dem Toten die Weste abzustreifen, kam für Carey nicht infrage: „Ich wollte, dass man seine Leiche bergen kann.“ Fünf bis zehn Minuten verharrte er so, bis er Stimmen hörte: In der Dunkelheit hatte ihn ein Rettungsboot ausgemacht.

    Ein Überlebender der Katastrophe auf der Piper Alpha erreicht das schottische Festland auf einer Krankenbare.

    Per Helikopter werden die Überlebenden in ein Krankenhaus in Aberdeen geflogen. Viele haben schwerste Brandwunden.

    Die Überlebenden wurden an Bord der Schiffe gebracht, die zur Unglücksstelle geeilt waren. Von dort wurden sie bis in die frühen Morgenstunden per Hubschrauber ins Krankenhaus nach Aberdeen geflogen. Viele hatten Verbrennungen erlitten; noch wenige Tage nach dem Unglück starb der französische Arbeiter Eric Roland Paul Brianchon an seinen schweren Brandverletzungen.

    Auch Carey schwebte einige Tage in Lebensgefahr. In einem langen Heilungsprozess musste er zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen, weil die Flammen ihm Hände und Kopfhaut verbrannt hatten.

    1990 legt der Cullen-Report die Ursachen offen: eine Kette von Fehlern

    Auf den Schock des Unglücks folgte die Trauer der Hinterbliebenen und Überlebenden. Viele der „Piper Alpha“-Überlebenden kämpften mit Schuldgefühlen, weil sie es geschafft hatten, Freunde und Kollegen aber nicht. Beinahe ein Viertel der Überlebenden litt unter posttraumatischem Stress. Entsetzt über die vielen Toten begann die britische Politik eine Untersuchung. Der Cullen-Report legte 1990 den Kern der Katastrophe offen: das fehlende Wartungsprotokoll.

    Die Wartungsarbeiten selbst führten zudem zu neuen Sicherheitsmängeln: Das Löschsystem hätte vom manuellen Betrieb wieder auf Automatik umgestellt werden müssen. Die auf dem Unterdeck ausgelegten Gummimatten führten überdies dazu, dass sich brennendes Öl unter der Plattform sammelte und eine der Hauptleitungen erhitzte, bis sie in der zweiten großen Explosion barst. Und die Konstruktion der Sicherheitsmaßnahmen war nicht ausreichend: Feuertüren, die einer Explosion nicht standhalten, hätten nicht verbaut werden dürfen.

    Die Branche beschließt 106 Schutzmaßnahmen. Andernorts galten sie bereits

    Die 106 im Cullen-Report vorgeschlagenen Sicherheitsmaßnahmen wurden von der Industrie eilig angenommen. Mehr als 100 davon waren im Nachbarland Norwegen bereits Standard, nachdem 1980 die Bohrinsel Alexander Kielland in der Nordsee gekentert war und 123 der 212 Besatzungsmitglieder in den Tod riss. In den Jahren nach der „Piper Alpha“-Katastrophe erließ die britische Regierung Regulierungen für Design, Konstruktion und Installation von Offshore-Plattformen und Pipelines, stellte Regeln zur Vermeidung von Feuern und Explosionen auf und verpflichtete die Industrie zu regelmäßigen Sicherheitsreports, die von einer öffentlichen Stelle geprüft werden.

    Die Bohrinsel Piper Alpha verwandelte sich in ein Inferno. Manchem Helfer schmolz bereits in der Nähe der Bohrinsel die Rettunsgweste am Körper.

    Bei keinem Bohrinselunglück davor oder danach starben mehr Menschen als auf der „Piper Alpha“. 1989 wurden die Überreste gesprengt.

    Neben neuen Regularien und Sicherheitsvorkehrungen vor Ort ist Training ein entscheidender Faktor, der das Überleben sichern kann: Roy Carey rief im Ernstfall sein Wissen über Sprünge aus großer Höhe ab.

    Seit der „Piper Alpha“-Katastrophe haben sich die Standards wesentlich verbessert. Darauf greift heute auch die Offshore-Windenergie zurück. Denn auch wenn sich die Sektoren unterscheiden, gebe es zwischen den Gefahren auf Turbinen und denen auf Bohrinseln Überschneidungen, heißt es bei der Global Wind Organisation (GWO), einer global tätigen Einrichtung, die Sicherheitstrainings organisiert. Allerdings unterscheide sich das konkrete Arbeitsumfeld. „So ist beispielsweise der Kontakt mit Spezialmaschinen ganz anders“, so die GWO. Im Windsektor kämen zusätzliche Risiken hinzu, etwa unvorhergesehene Schiffsbewegungen durch große Wellen beim Umsteigen vom Crew-Transfer-Schiff aufs Windrad.

    Bis 2025, ergab die GWO-Studie, müssen 480.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Windindustrie Sicherheitstrainings durchlaufen. Unternehmen wie Deutsche WindGuard, Global Wind Organisation oder RelyOn Nutec schulen deshalb weltweit Crews in Sicherheit und Technik – damit Katastrophen wie die auf der „Piper Alpha“ in der Windenergie ausgeschlossen sind.

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