Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Mensch und Umwelt

08. Jun. 18

Abendstimmung am Strand von Amrum: Die Oberflächentemperaturen der Nordsee hängen vor allem von der Intensität der Sonneneinstrahlung ab. Flache Bereiche erwärmen sich schneller als tiefe Zonen.

Wenn die Nordsee zur Badewanne wird

Der Klimawandel lässt die Temperaturen in der Nordsee steigen, zugleich versauert das Wasser. Was das für Meerestiere wie Fische, Krebse, Austern und Quallen bedeutet.

Gewitterwolken über dem Leuchtturm im ostfriesischen Campen: Die zunehmende Häufigkeit von Extremwetterereignissen wird dem Klimawandel zugeschrieben.

Von Irene Gronegger

Die globale Erwärmung bringt höhere Temperaturen der Luft und des Wassers mit sich, steigende Meeresspiegel und mancherorts extremere Wetterlagen sind die Folgen.  Diese Klimaänderungen zeigen sich auch in der Nordsee und im Wattenmeer. Es wird nicht nur etwas wärmer – ein Teil der Tierwelt muss sich anpassen. Bisher fremde Meeresbewohner breiten sich in wachsender Zahl dort aus, vor allem Fische und bodenlebende Tiere.

Die Nordsee hat im Vergleich zum mehrere Kilometer tiefen Ozean einige Besonderheiten: Sie ist ein flaches Schelfmeer mit einer durchschnittlichen Tiefe von 94 Metern. An den weiten Flachküsten zwischen den Niederlanden und Dänemark erstreckt sich das Wattenmeer, das vom Wechsel der Gezeiten geprägt ist.

Die Oberflächentemperaturen der Nordsee hängen vor allem von der Sonnenstrahlung ab. Flache Bereiche erwärmen sich im Sommer schneller und kühlen im Winter stärker ab als tiefe Zonen. An den Küsten beeinflussen auch die Wassertemperaturen großer Zuflüsse wie Elbe und Weser, wie warm das Wasser wird.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg beobachtet die Oberflächentemperaturen der Nordsee mit einem eigenen Messnetz und gibt seit 50 Jahren wöchentliche Temperaturkarten heraus. Ergänzend fließen Satellitendaten ein. Außerdem hat die Biologische Anstalt Helgoland schon 1873 begonnen, die Oberflächentemperatur nahe der Insel zu erfassen. All diese Daten sind auch in den Hamburger Klimabericht eingegangen, der die wissenschaftliche Literatur zusammenfasst.

Seit Ende der Achtziger steigen die Temperaturen der Nordsee deutlich schneller

Die Erwärmung der Nordsee verläuft nicht graduell oder gar linear: Die Helgoländer und die BSH-Messungen zeigen beide, dass die Oberflächentemperatur seit Ende der Achtzigerjahre abrupt angestiegen ist. Bis 1975 war der Aufwärtstrend mit 0,03 Grad pro Jahrzehnt gering ausgefallen. Aber auch davor gab es schon einige Phasen, die vom langfristigen Trend etwas abwichen und jeweils etliche Jahre dauerten.

Außerdem haben starke Eiswinter in der Deutschen Bucht in den letzten Jahrzehnten abgenommen. Außergewöhnlich warm war das Jahr 2014 – das Jahresmittel der Oberflächentemperatur betrug 11,4 °C, bei Helgoland waren es 11,9 °C. Zum Vergleich: Das Nordsee-Mittel der Jahre 1981 bis 2010 betrug 10,2 °C. Insgesamt haben sich die Temperaturen vorerst auf eher hohem Niveau stabilisiert; die nähere Zukunft ist offen. Langfristig erwarten Klimaforscher bis zum Ende des Jahrhunderts eine weitere Erhöhung um 1 bis 3 Grad.

Wir betrachten hier die Oberflächentemperaturen – in der Tiefe nimmt die Temperatur natürlich ab, ist aber nicht so einfach zu messen. Hinzu kommt, dass der Wasserkörper der Nordsee im Sommerhalbjahr geschichtet ist: Je heißer und sonniger die Saison ausfällt, umso stabiler auch die wärmere Deckschicht.

Abendstimmung am Strand von Amrum: Die Oberflächentemperaturen der Nordsee hängen vor allem von der Intensität der Sonneneinstrahlung ab. Flache Bereiche erwärmen sich schneller als tiefe Zonen.

Manche Tiere profitieren von Klimawandel: Wärmeliebende Fische wie die Steifenbarbe erobern neue Territorien

Die Tierwelt hat bereits auf die veränderten Temperaturen der Nordsee reagiert: Wärmeliebende Fischarten verlagern ihr Verbreitungsgebiet in warmen Zeiten tendenziell nach Norden, darunter sind die Streifenbarbe (Mullus surmuletus) und der Rote Knurrhahn (Chelidonichthys lucernus). Im Wattenmeer tritt die Europäische Sardelle (Engraulis encrasicolus) seit Mitte der Neunziger wieder vermehrt auf, nachdem sie davor rund vierzig Jahre lang fast aus dem Gebiet verschwunden war.

Bei einigen anderen Fischarten sind die Bestände so stark von der Fischerei beeinflusst, dass sich derzeit kaum einschätzen lässt, inwiefern die Tiere auch auf Veränderungen der Wassertemperaturen reagieren.

Das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), beobachtet außerdem Veränderungen der bodenlebenden Tierarten, von Fachleuten Makrozoobenthos genannt. Erwärmt sich das Meer im Frühling zeitig, vermehren sich auch manche Arten eher. Ein Beispiel: „Strandkrabben pflanzen sich früher im Jahr fort und haben so größere Chancen, die Muschelbabies zu fressen“, erklärt Christian Buschbaum, Meeresökologe an der AWI-Station Sylt.

Schnee in den Sylter Dünen: Solche Bilder sind in den vergangenen Jahren seltener geworden. Heftige Eiswinter wurden in der Deutschen Bucht zuletzt kaum noch beobachtet.

Die Nordsee wird zum Refugium für exotische Krebse, Austern und Quallen. Die Australische Seepocke kam per Schiff

Einige neue Arten konnten sich dauerhaft in der Nordsee ansiedeln, seit den Neunzigern zum Beispiel die Trapezkrabbe (Goneplax rhomboides), die aus dem Ostatlantik eingewandert ist und auch im Mittelmeer vorkommt. Der Mensch trägt mit Wirtschaft und Schiffsverkehr ebenfalls dazu bei, dass sich fremde Arten ausbreiten. Die Pazifische Auster (Crassostrea gigas) wurde als Aquakultur angesiedelt in der Annahme, dass die Larven den Winter ohnehin nicht überleben würden – das war ein Irrtum. Für die heimische Fauna ist das aber kein Problem, sagt Christian Buschbaum (AWI): „Austern bilden Riffe, und dort können Miesmuscheln als Untermieter in den Ritzen leben, sodass sie besser vor Räubern geschützt sind“. Miesmuscheln (Mytilus edulis) werden von Krebsen und einigen Vogelarten gefressen, zum Beispiel vom Austernfischer (Haematopus ostralegus).

Die Australische Seepocke (Austrominius modestus) kam bereits an Kriegsschiffen haftend in die Nordsee, wurde aber immer wieder stark dezimiert, solange die Winter kalt genug waren. Heute kann sie sich stärker ausbreiten – neben den heimischen Seepocken. „Es gibt im Wattenmeer keine Hinweise darauf, dass eine eingewanderte Art eine heimische verdrängt“, sagt Christian Buschbaum vom AWI.

Auch beim Plankton lassen sich einige Veränderungen beobachten: Kieselalgen kommen heute in größerer Dichte vor als früher. Das tierische Plankton (Zooplankton) wird durch milde Winter begünstigt. Das nützt wiederum solchen Tieren, die vom Zooplankton leben.

Zu den Gewinnern des Klimawandels werden aber in jedem Fall die Quallen gehören. Viele von ihnen sind sehr tolerant gegenüber einer Erwärmung, aber auch gegenüber einer Versauerung der Ozeane. Diese kommt daher, dass die Meere Kohlendioxid aufnehmen und sich dabei Kohlensäure bildet.

Früher kammen Seehundbabys im Juni zur Welt. Inzwischen verlagern sich die Wurfzeiten in den Mai

Auch sympathischere Tiere können auf Klimaänderungen reagieren. Der Verein Schutzstation Wattenmeer aus Schleswig-Holstein beobachtet unter anderem Meeressäuger und stellt dabei fest, dass sich die Wurfzeiten der Seehunde (Phoca vitulina) tendenziell vom Juni in den Mai verlagern. Bei der zweiten Robbenart der Region, den Kegelrobben (Halichoerus grypus), spielt das anscheinend keine Rolle, denn sie bekommen ihren Nachwuchs im Spätherbst.

Und das Wattenmeer selbst? Bedeutend für dessen Perspektive ist neben der Temperatur auch die Entwicklung des Meeresspiegels: Bisher war er rund 20 Zentimeter pro Jahrhundert angestiegen, für die Zukunft erwarten Klimaforscher eine deutliche Beschleunigung. Wie stark diese ausfallen wird, hängt vor allem davon ab, wie stark die Gletscher in den subpolaren Regionen der Erde abschmelzen werden. Und falls Stürme häufiger werden, könnten auch sie den Naturraum weiter verändern.

Volker Kühn
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt