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Thema Mensch und Umwelt

29. Mai. 18

„Die Menschen vor Ort müssen davon profitieren“

Die Energiewende soll der Umwelt helfen – doch auch für Wind- und Solarparks sind Eingriffe in die Natur nötig. WWF-Experte Henrik Maatsch erklärt, wie der Umbau der Energieversorgung trotzdem naturverträglich gelingt

Henrik Maatsch ist Referent für Klima- und Energiepolitik beim World Wide Fund for Nature (WWF). Derzeit arbeitet er an einer Studie, die einen Weg beschreiben soll, auf dem Deutschland rasch aus der Kohle aussteigen kann. Im Interview erklärt Maatsch, was bei der politischen Steuerung der Energiewende falsch läuft, welche Vor- und Nachteile die unterschiedlichen Ökostromquellen haben und wie die Bevölkerung besser in den Umbau der Stromversorgung eingebunden werden kann.

„Was bringt es, wenn ich auf meinen Gran-Canaria-Urlaub verzichte, aber mein Kreuz bei einer Partei mache, die sich gegen jede Form der CO2-Bepreisung stemmt?“, fragt Henrik Maatsch. Die Politik sei der stärkste Hebel im Kampf für die Energiewende.

Herr Maatsch, was für Strom kommt bei Ihnen zuhause aus der Steckdose?
Henrik Maatsch: Ökostrom natürlich.

Können Sie da so sicher sein?
Maatsch: Ja, zumindest bilanziell gesehen. Die Menge an Strom, die ich verbrauche, ist zu 100 Prozent durch erneuerbare Quellen gedeckt. Das wird über Zertifikate sichergestellt, sogenannte Herkunftsnachweise der Erzeuger. Das unterscheidet sich allerdings von dem Strom, der mir physisch geliefert wird, denn der entspricht, vereinfacht gesagt, dem deutschen Strommix.

Selbst bei reinem Ökostrom wären damit Eingriffe in die Natur verbunden. In Windrädern sterben Vögel, Biogasanlagen werden mit Mais aus Monokulturen gefüttert …
Maatsch: Was in Deutschland als Ökostrom vermarktet wird, ist stammt zumeist aus ausländischen Wasserkraftwerken. Aber Sie haben Recht, keine Energiequelle ist ohne Fehl und Tadel. Deswegen gilt ja der bekannte Spruch, dass die umweltfreundlichste Kilowattstunde diejenige ist, die überhaupt nicht erzeugt wird. Wir müssen so sparsam wie möglich mit Energie umgehen. Aber ganz ohne Strom geht es eben nicht – und wenn er aus erneuerbaren Quellen stammt, ist das für die Umwelt um ein Vielfaches besser als konventioneller Strom aus fossilen oder nuklearen Brennstoffen mit seinen gravierenden Folgen für die Erderwärmung und die Artenvielfalt.

„Das ist ein Treppenwitz der Energiewende“ Maatsch über Rahmenbedingungen von Pumpspeichern

Sind alle regenerativen Quellen für die Natur in gleichem Maß gut?
Maatsch: Nein, es gibt durchaus Unterschiede. Am kritischsten betrachten wir im WWF den Ausbau kleinerer Laufwasserkraftwerke in Deutschland, wie er etwa in Bayern stattfindet, und den der Biomasse. Bei diesen Laufwasserkraftwerken steht die Leistung in keinem Verhältnis zum Ausmaß des Eingriffs in die Umwelt. Da werden die Lebensräume unterschiedlichster Arten zerstört und im Gegenzug erzeugen die Anlagen nicht einmal nennenswerte Strommengen. Das ist unglücklicherweise nicht die einzige Fehlentwicklung bei der politischen Steuerung der Energiewende.

Worauf spielen Sie an?
Maatsch: Bleiben wir mal bei der Wasserkraft: Gegenwärtig sind Pumpspeicherkraftwerke nur schwer wirtschaftlich zu betreiben Es gibt sogar Überlegungen, einzelne Anlagen stillzulegen. Wir reden hier nicht vom Neubau. Die Bestandsanlagen sind jedoch als Speicher ein wichtiger Baustein der Energieversorgung, weil sie auch dann Strom liefern können, wenn die Windräder stillstehen und die Sonne nicht scheint. Das ist ein Treppenwitz der Energiewende.

Mit seinem Symboltier, dem Panda, zählt der World Wide Fund For Nature (WWF) zu den bekanntesten Naturschutzorganisationen der Welt. Hier demonstrieren Mitarbeiter in Bonn für den Ausstieg aus der Kohle.

Ist auch die Förderung von Biogasanlagen aus Ihrer Sicht eine Fehlsteuerung?
Maatsch: Unter den richtigen Rahmenbedingungen haben Bestandsanlagen durchaus ihre Berechtigung als erneuerbare Back-up-Lösung für Wind und Fotovoltaik. Allerdings müsste für ihren Fortbestand die Förderung an eine Flexibilisierung und Ökologisierung gekoppelt werden. Dadurch ließe sich verhindern, dass auf riesigen Feldern Monokulturen angebaut werden. Man könnte über nachhaltige Substrate zum Beispiel wechselnde Fruchtfolgen fördern.

Wie sieht aus ihrer Sicht der ideale Strommix aus?
Maatsch: Die wichtigsten erneuerbaren Energiequellen werden in Zukunft die Windenergie auf See und an Land sowie Fotovoltaik sein. Wir erarbeiten derzeit eine Studie, die darlegt, wie der Zubau der Erneuerbaren idealerweise regionalisiert wird, um einen schnellen Kohleausstieg zu ermöglichen und die Ziele des UN-Klimagipfels von Paris zu erreichen. Dabei spielt auch die Flächeninanspruchnahme eine große Rolle. So viel vorweg: Es ist ausreichend Platz vorhanden für den naturverträglichen Ausbau der Erneuerbaren in Deutschland, vorausgesetzt man unternimmt sehr ehrgeizige Anstrengungen bei der Energieeffizienz.

Das bedeutet einen starken Ausbau erneuerbarer Energien. Konflikte sind damit programmiert.

Eine der einflussreichsten WWF-Aktionen ist die „Earth Hour“, bei der Millionen von Menschen weltweit das Licht ausschalten, um für den Klimaschutz zu werben. 2018 fand sie am 24. März statt. Auch am Brandenburger Tor versammelten sich dazu Aktivisten.

Maatsch: Richtig, es wird Konflikte geben – sowohl mit der Landwirtschaft bei der Konkurrenz um die Flächen als auch mit Anwohnern von Ort. Deswegen ist es wichtig, die Bevölkerung viel umfassender als bislang in die Planungen der zukünftigen Energieinfrastrukturen einzubinden.

Das ist ein Argument, das man oft hört: Man müsse nur mehr mit den Menschen reden, dann würden sie die Windräder und Stromleitungen in ihrer Nachbarschaft schon akzeptieren. Aber ist das wirklich so einfach?
Maatsch: So wie es bislang läuft, funktioniert es jedenfalls nur unzureichend. Da landet irgendwann ein Infobrief über einen geplanten Windpark oder eine Stromtrasse im Postkasten, dem die Leute wenig Beachtung schenken. Und wenn dann ein paar Jahre später unvermutet die Bagger anrücken, wird eine Bürgerinitiative gegründet, die dagegen kämpft. Was bleibt, ist der Eindruck, dass die Energiewende über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden wird.

Was schlagen Sie stattdessen vor?
Maatsch: Neben der frühzeitigen Beteiligung im Planungsprozess sollte man den Menschen vor Ort eine Möglichkeit geben, stärker von den Projekten zu profitieren. Etwa, indem man Städte und Gemeinden zu Teilhabern davon macht oder ihnen einen Anteil an den Erlösen zukommen lasst. Wenn eine klamme Gemeinde mit diesen Geldern ihr Schwimmbad oder ihre Bibliothek weiterbetreiben kann, führt das zu einer ganz anderen Wahrnehmung des Projekts.

Zahlreiche Prominente engagieren sich für den WWF, darunter der Naturfilmer und Umweltaktivist Dirk Steffens. Hier stellt er den alle zwei Jahre veröffentlichen „Living Planet“-Report des WWF vor.

Selbst wenn es gelingt, die Akzeptanz der Menschen vor Ort zu gewinnen: Kann Deutschland wirklich eines Tages seinen kompletten Energiebedarf erneuerbar erzeugen?
Maatsch: Nein. Aber das muss es auch gar nicht. Hinter Ihrer Frage steht der Gedanke, dass Deutschland autark sein müsse, aber das ist Unsinn. Im Übrigen funktioniert das auch in einer fossilen Welt nicht: Die Kohle und das Gas in den deutschen Kraftwerken stammen zum größten Teil aus dem Ausland. Und auch in der erneuerbaren Welt der Zukunft werden wir einen Großteil der Energie importieren – schon deshalb, weil manche Regionen viel besser für die Erzeugung geeignet sind. Im Sonnengürtel der Erde gehen die sogenannten Gestehungskosten der Solarenergie schon heute gegen Null.

Sie haben es selbst schon angesprochen: Sonne und Wind stehen nicht immer zur Verfügung. Wie wollen Sie sicherstellen, dass in Zukunft nicht das Licht ausgeht?
Maatsch: Durch eine überregionale und europaweite Vernetzung unserer stark national geprägten Stromsysteme, durch den Ausbau von Speichern und durch sogenannte Back-up-Kraftwerke, die die schwankende Versorgung aus Erneuerbaren ideal ergänzen und zu jeder Zeit die konstant im Netz benötigte Energiemenge liefern können. Das werden unter anderem Gasturbinen sein. Darin wird dann allerdings kein konventionelles Erdgas verfeuert, sondern Gas, das mithilfe von Ökostrom per Elektrolyse aus Wasserstoff hergestellt wird.

Wir haben bislang viel über das Große und Ganze der Energiewende gesprochen. Aber was kann jeder Einzelne von uns tun, um dem Klima zu helfen?
Maatsch: Ich glaube, die gängigsten Maßnahmen sind allgemein bekannt. Wer nach Gran Canaria fliegt, sollte sich bewusst sein, dass er genauso viel CO2 in die Luft bläst wie durch ein ganzes Jahr Autofahren. Wir sollten weniger tierische Lebensmittel essen und uns über den ökologischen Fußabdruck unserer Produkte informieren. Aber für noch viel wichtiger halte ich etwas anderes.

Nämlich?
Maatsch: Wir müssen unsere Rechte und Pflichten als Bürger wahrnehmen, uns über das informieren, was die politischen Parteien planen und dies aktiv mitgestalten. Was bringt es, wenn ich auf meinen Gran-Canaria-Urlaub verzichte, aber mein Kreuz bei einer Partei mache, die sich seit Jahren gegen jede Form der CO2-Bepreisung stemmt? Die politischen Rahmenbedingungen sind der stärkste Hebel beim Übergang in eine umweltfreundliche Zukunft.

Die Fragen stellte Volker Kühn.

Volker Kühn
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